EM-Saison 2019: Deutsche Pferdesportler in Höchstform

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Interview mit Dr. Dennis Peiler zu den EM in Rotterdam, Luhmühlen, Donaueschingen, Givrins, Ermelo und Euston Park

Warendorf (fn-press). Die deutschen Pferdesportler blicken auf eine unglaublich erfolgreiche Saison zurück. Bei den Europameisterschaften der Senioren gewannen sie in den acht Disziplinen 20 Medaillen. Vor den noch ausstehenden Weltmeisterschaften der Zweispänner und der Ponyfahrer sowie der jugendlichen Distanzreiter kann das DOKR bereits auf 55 Medaillen blicken, davon 28 Goldmedaillen. Im Interview zieht Dr. Dennis Peiler, Geschäftsführer des Deutschen Olympiade Komitees für Reiterei (DOKR), ein erstes Fazit.

Frage: Die größte Veranstaltung fand in der niederländischen Hafenstadt Rotterdam statt. In drei Disziplinen, Dressur, Para-Equestrian und Springen kämpften Reiter und Pferde um Edelmetall. Mit sieben Medaillen im Gepäck traten sie die Rückreise aus Rotterdam an. Welcher Moment dieser sieben Wettkampf-Tage war für Sie der emotionalste?
Dr. Dennis Peiler: Die Grand Prix Kür, in der die deutschen Paare alle drei Medaillen gewonnen haben. Das war etwas ganz Besonderes, was es bei einer Europameisterschaft zuvor noch nicht gegeben hatte. Zuletzt ist uns das bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona gelungen, dass alle drei Plätze auf dem Podium durch deutsche Reiter besetzt wurden. In Rotterdam wurden die Reiterinnen mit Standing Ovation gefeiert, und das in dem Land, aus dem lange Zeit unsere stärksten Konkurrenten in der Dressur kamen. Ein absoluter Gänsehaut-Moment. Das war sehr emotional und eine große Anerkennung für die Leistung unserer Reiter und Pferde.

FrageIn der Dressur hat das deutsche Team der Konkurrenz nicht den Hauch einer Chance gelassen. Es war die sechste Mannschaftsgoldmedaille, seit Monica Theodorescu und Jonny Hilberath als Bundestrainer-Duo im Einsatz sind. Woher kommt diese Dominanz?
Dr. Dennis Peiler: Unsere Trainer stehen für die klassische Reitlehre, die auf das Wohl und die Gesunderhaltung der Pferde ausgerichtet ist. Wir haben in Rotterdam zufriedene, gut ausgebildete Pferde gesehen die, genau wie ihre Reiter, auf den Punkt fit waren und zum Saisonhöhepunkt Bestleistungen gezeigt haben. Dahinter stecken viel Fleiß und harte Arbeit. Natürlich haben wir auch den Vorteil, dass unsere deutsche Pferdezucht so erfolgreich ist und immer wieder solche Spitzenpferde hervorbringt. Das zusammengenommen macht den Erfolg aus. Es schürt aber auch eine unglaubliche Erwartungshaltung. Auf Reitern und Trainern lastet permanent der Druck der Öffentlichkeit, die immer wieder Goldmedaillen erwartet.

Frage: Die Erfolge schüren natürlich auch große Hoffnungen für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Was ist dort von den deutschen Reitern und auch von der Konkurrenz zu erwarten?
Dr. Dennis Peiler:Wir verabreden zu Beginn eines Olympiazyklusses mit dem DOSB und BMI einen Medaillenkorridor. Für Tokio haben wir uns insgesamt auf drei bis fünf Medaillen verständigt. Das zeigt, wie hoch die Erwartungen sind. Dieses Jahr war ein wichtiges Vorbereitungsjahr im Hinblick auf Tokio und natürlich hoffen wir, dass wir an diese Erfolge anknüpfen können. Das wird aber sicherlich kein Selbstläufer. Die Reiter haben sich in Rotterdam gegenseitig gepusht und hochgeschaukelt, jeder hat sich von der Leistung des anderen anspornen lassen. Das spricht für das unheimlich hohe Niveau innerhalb der Mannschaft und für eine gesunde Konkurrenz. In Tokio dürfen ja nur noch drei statt vier Paaren für eine Mannschaft starten. Das macht die Situation nicht einfacher. In Tokio werden auch die US-Amerikaner wieder dabei sein und ich denke, dass auch die Briten, die in Rotterdam großes Pech durch die Disqualifikation ihres stärksten Paares hatten, in Tokio ein Wörtchen um die Medaillen mitreden werden. Auch die Schweden und Dänen haben sich bei der EM stark präsentiert und die Niederländer haben gezeigt, dass mit ihnen wieder zu rechnen ist.

FrageDie Springreiter haben eine unglückliche Nationenpreis-Saison hinter sich und die Qualifikation zum Serienfinale in Barcelona verpasst. In Rotterdam lagen sie nach dem ersten Wettkampftag an der Spitze der Mannschaftswertung. Am Ende wurde es für sie die Silbermedaille. Wie beurteilen Sie dieses Ergebnis?
Dr. Dennis Peiler: Diese Silbermedaille war ein schöner Erfolg für das gesamte Team. Es war toll zu sehen, wie sich Simone Blum und DSP Alice, die 2018 für manchen noch überraschend Weltmeister geworden sind, an der Weltspitze etabliert haben. Grandios war auch, wie sich Comme il faut, der bisher immer ein wenig im Schatten anderer Spitzenpferde von Marcus Ehning stand, bei seinem ersten Championat zum Ende hin noch steigern konnte und es in die Top-Fünf schaffte. Diese Woche in Rotterdam hat aber auch gezeigt, wie eng die Weltspitze beieinander liegt und wie wichtig die Top-Reiter Daniel Deußer und Christian Ahlmann für das Team sind. Alle vier Paare haben einen super Job gemacht, wenn auch dem ein oder anderen zum Ende hin etwas die Luft ausging. Aber das zeigt, woran bis nächstes Jahr noch gearbeitet werden muss.

Frage: Wo sehen Sie den deutschen Springsport, ein Jahr vor Olympia?
Dr. Dennis Peiler: Wir sind auf einem guten Weg. Man hat auch in Rotterdam wieder gesehen, wie nah Sieg und Niederlage im Springen beieinander liegen. Die Tagesform spielt eine große Rolle und ein Abwurf kann darüber entscheiden, ob man eine Medaille gewinnt oder vielleicht noch nicht einmal das Finale erreicht. Insgesamt stimmt mich die Leistung unserer Paare bei dieser EM sehr optimistisch im Hinblick auf Tokio. Sicherlich kam uns auch entgegen, dass wir nicht mehr den Druck hatten, uns für die Olympischen Spiele qualifizieren zu müssen.

Frage: Im Para-Dressurviereck lief es in Rotterdam leider nicht so erfolgreich wie gewohnt. Die deutschen Starter schienen, was Medaillen betrifft, etwas vom Pech verfolgt zu sein. Es gab viele vierte Plätze, letztlich aber keine Medaille. Wie haben sie die Wettbewerbe erlebt?
Dr. Dennis Peiler:Ich habe unsere Para-Reiter in Rotterdam intensiv verfolgt. Zunächst einmal habe ich absolute Hochachtung vor der Leistung jedes einzelnen Paares. Alle haben gekämpft bis zum Schluss und am Ende gab es viele vierte Plätze, aber keine Medaille. Das war bitter und zeigt, dass wir noch einige Hausaufgaben machen müssen, um in Tokio wieder auf dem Podium zu stehen. Grundsätzlich sind wir im Para-Bereich gut aufgestellt. Rotterdam hat uns aber auch vor Augen geführt, dass die Konkurrenz – und nicht nur in oder zwei Nationen – extrem stark geworden ist und wir uns nicht den kleinsten Fehler leisten dürfen, wenn wir weiterhin so erfolgreich wie in der Vergangenheit sein wollen.

Frage: Zwei Mal durften die Pferdesport-Fans in Deutschland ihren Stars hautnah zujubeln. In Donaueschingen traten die Vierspänner zu ihrer Heim-EM an, in Luhmühlen die Vielseitigkeitsreiter. Fazit?
Dr. Dennis Peiler: Für unsere Vierspänner-Fahrer hat es mich besonders gefreut, dass sie nach einem schwierig Jahr nun die Goldmedaille gewonnen haben. Bei den Weltreiterspielen in Tryon schienen sie noch vom Pech verfolgt, nun kam zum Können aber auch noch etwas Glück dazu. Unsere junge EM-Debütantin Anna Sandmann hat mit ihren Pferden einen tollen Job gemacht, ebenso die erfahrenen Gespanne von Georg von Stein und Michael Brauchle.

Ganz großartig war natürlich der EM-Abschluss in Luhmühlen, wo unsere Vielseitigkeitsreiter wieder an die Erfolge vergangener Jahre anknüpfen konnten. Insgesamt betrachtet war es eine tolle Leistung des gesamten Teams. Es hat sich gezeigt, dass es richtig war, alles daranzusetzen, fischerChipmunk FRH in Deutschland zu halten. Dafür möchte ich mich noch mal ganz herzlich bei allen Unterstützern bedanken. Mit ihm und Michael Jung im Sattel und natürlich mit Doppeleuropameisterin Ingrid Klimke verfügen wir in der Disziplin eine Doppelspitze, um die uns die Welt beneidet. Spannend für uns war auch zu beobachten, wie sich die jüngeren Reiter und Pferde unter Championatsbedingungen bewähren. Der erste Eindruck stimmt hier optimistisch. Wir müssen uns aber auch vor Augen führen, dass im kommenden Jahr weitere starke Nationen hinzukommen, zum Beispiel Neuseeland, Australien und Japan.

Frage: Im schweizerischen Givrins sorgten die deutschen Reiner für erfolgreiche Tage mit zwei Goldmedaillen, eine für die Mannschaft, eine für Grischa Ludwig und Coeurs Little Tyke im Einzel. Eine Überraschung?
Dr. Dennis Peiler: freue ich mich über die tollen Erfolge unserer Reiner. Spätestens seit der Mannschaftsmedaille in Tryon im vergangenen Jahr sind unsere Reiter in der absoluten Weltspitze angekommen. Das haben sie mit ihren diesjährigen Erfolgen nochmals nachdrücklich untermauert.

Frage: In Ermelo in den Niederlanden feierten die deutschen Voltigierer gleich sechs EM-Medaillen. Wie die Dressurreiter sind auch die Voltigierer bei Championaten stets eine Medaillen-Bank.
Dr. Dennis Peiler: Richtig. Im Voltigieren verhält es sich wie bei der Dressur. Die Erwartungen sind sehr hoch. Die Medaillenausbeute bei den Senioren sieht auf dem ersten Blick mit sieben Medaillen im Gepäck gut aus. Leider konnten wir nicht ganz an die Erfolge der Weltreiterspiele anknüpfen. Goldmedaillen sind aber auch nicht beliebig reproduzierbar. Die Ausbeute bei den Weltmeisterschaften der Junioren war mit vier Goldmedaillen überragend, so dass wir sehr zuversichtlich in die Zukunft schauen.

FrageAuch die Distanzreiter durften sich bei ihrer EM in Euston Park über Edelmetall freuen. Wie überraschend war diese Team-Bronzemedaille aus Ihrer Sicht?
Dr. Dennis Peiler: Neben dem Vierspännergold in Donaueschingen war die Bronzemedaille der Distanzreiter die Überraschung des Jahres aus DOKR-Sicht. Die letzte Teammedaille bei Europameisterschaften gab es im Jahr 2001. Das zeigt, wie besonders dieser Erfolg ist. Er ist umso höher einzuschätzen, da das Team nur mit drei Reitern, also ohne Streichergebnis, am Start war. Eine tolle Mannschaftsleistung.

Frage: Noch ein kurzer Blick auf den Nachwuchsbereich. Auch hier haben die deutschen Sportler zahlreiche Erfolge gefeiert. In der Dressur in San Giovanni gewannen sie zwölf Medaillen, darunter neunmal Gold. Bei den Springreitern in Zuidwolde gab es fünf Mal Edelmetall, bei den Vielseitigkeitsreitern in Maarsbergen noch drei weitere Male. Was sagt das über den deutschen Pferdesport aus?
Dr. Dennis Peiler: Das sind tolle Ergebnisse, die uns sehr optimistisch in die Zukunft blicken lassen. Unsere Trainer und Equipechefs machen im Nachwuchsbereich einen super Job und bereiten die jungen Sportler optimal auf den Saisonhöhepunkt vor. Es ist beruhigend zu wissen, dass immer wieder talentierte Nachwuchsreiter von unten nachkommen. Aber es bleibt eine große Herausforderung, ihnen später auch die passenden Pferde für den Top-Sport zur Verfügung stellen zu können. 

Das Interview führte Julia Basic.

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