Erstes Sachverständigen-Treffen in Warendorf

Warendorf (fn-press). Sachverständige aus dem Bereich Pferd haben eine verantwortungsvolle Aufgabe: Sie müssen vor Gericht mittels Gutachten Auskunft darüber geben, wie sich artgerechte Pferdehaltung definiert und wo ihre Grenzen erreicht werden. Dabei stellt die Begutachtung der Haltungsbedingungen und des Tierwohls vor dem Hintergrund der Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten eine entscheidende Komponente dar. Auch war die tägliche Arbeitspraxis mit all ihren Herausforderungen ein wichtiges Thema der ersten Tagung von Sachverständigen bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) in Warendorf.

„Die Themen Tierschutz und Tierwohl gewinnen im Pferdesport und auch bei der Haltung der Pferde zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig bekennen wir uns klar zur Nutzung der Pferdes als Sportpartner“, betonte Sönke Lauterbach eingangs. Die Devise für den Tag gab Theo Leuchten, Sachverständiger und Vorsitzender des Bereichs Zucht der FN, vor: „Wir wollen mit Ihnen diskutieren und, dass Sie untereinander diskutieren.“ 40 Sachverständige waren dafür nach Warendorf gekommen. Einen ersten Anreiz zur Debatte über die Pferdehaltung gab Martin Otto aus der FN-Abteilung Breitensport, Vereine und Betriebe. Otto stellte das FN-Kennzeichnungssystem vor, das die Qualität von Betrieben bundesweit zertifiziert und dabei insbesondere die fachgerechte Pferdehaltung berücksichtigt. Neben dem Grundschild Pferdehaltung bestehen für Betriebe, je nach fachlicher Ausrichtung, weitere Kennzeichnungsmöglichkeiten. Beachtet werden müsse, dass die Kennzeichnung nur den Zustand eines Betriebes zum Zeitpunkt der Besichtigung widerspiegeln könne Otto nutzte das Treffen auch für einen Aufruf an die Sachverständigen: „Wenn Sie Fälle von gekennzeichneten Betrieben kennen, in denen Optimierungsbedarf besteht, dann teilen Sie uns das bitte mit.“

Kernstück des Tages war die Diskussionen mit Dr. Christiane Müller, öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige und Präsidiumsmitglied der FN über die Entwicklung der Pferdehaltung vor dem Hintergrund der Leitlinien Pferdehaltung. Denn: Schon im Vorfeld des Treffens war deutlich geworden, dass viele Sachverständige Gutachten im Bereich Stallbau und Reitanlagen erstellen. Müller ergänzte: „Wir müssen als Sachverständige erklären, warum welche Indikatoren für eine fachgerechte Pferdehaltung wichtig sind.“ Doch wie kann bewertet werden, ob es den Pferden in einem Betrieb oder Verein gut geht? Müller gab dazu einen Überblick über die Inhalte der Leitlinien Pferdehaltung. Sie beschreiben, wie der Mensch dem Sozial-, Bewegungs-, Ruhe- und Fressverhalten von Pferden gerecht werden kann. Auch wurden Erfahrungen über die Kommunikation und Zusammenarbeit der Sachverständigen mit Behörden ausgetauscht. Dr. Henrike Lagershausen, Leiterin der Abteilung Veterinärmedizin und Tierschutz der FN, hob die große Verantwortung der Sachverständigen hervor, da sie Gerichtsverfahren entscheidend beeinflussen könnten. In diesem Zusammenhang wurde die rechtliche Einordnung der Leitlinien thematisiert: Auch wenn die Leitlinien keine Rechtsnorm darstellen, müssen sich die Standards der Pferdehaltung an den Inhalten dieses Werks orientieren. „Ich bin eine Verfechterin der Leitlinien. Sie bieten uns einen Spielraum, den man sinnvoll nutzen kann. Denn: Kein Pferdestall ist wie der andere“, betonte Müller. Für die Sachverständigen seien die Leitlinien ein wichtiger Orientierungspunkt innerhalb ihrer Tätigkeit. Viele der Anwesenden teilten diese Ansicht. Georg Fink, Sachverständiger für Reitanlagen und Stallbau, sagte: „Die Leitlinien sind eine Riesenchance für die Pferdehaltung. Wir können sie nutzen um zu zeigen, wie wichtig uns das Pferdewohl ist.“ Gleichzeitig gab es aber auch Kritik: Ein Sachverständiger beschrieb die Leitlinien als veraltet, das Tierwohl und damit die Bedürfnisse von Pferde würden darin nicht ausreichend berücksichtigt werden. Dem widersprach Müller. Sie empfahl, bei der Beurteilung eines Betriebes immer die Faktoren Licht, Luft, Bewegung und Sozialkontakte zu betrachten, um die Bedürfnisse des Pferdes in den Fokus zu rücken. Als einen wesentlichen Aspekt der Leitlinien arbeitete die Diskussionsrunde, an der auch Professor Dr. Ulrich Schnitzer teilnahm, auch die Boxengröße heraus. In den Leitlinien steht die von ihm 1969 entwickelte Formel für die Mindestgröße einer Box (2 x Widerristhöhe2). Dennoch werde diese Formel nicht in allen Ställen umgesetzt. Wie verhält es sich im Streitfall? „Wer unter das Mindestmaß geht, bewegt sich auf dünnem Eis“, bestätigte Müller die Brisanz des Themas. Sie betonte jedoch, dass jeder Stall individuell zu betrachten sei. Gleiches gelte für Weiterentwicklungen und Umbaupläne eines jeden Betriebs. Auch die Sachverständigen waren sich einig: Eine Pferdehaltung könne nicht nur mit dem Maßband bewertet werden. Eine Aufgabe für die Zukunft sei deshalb, dies auch Gerichten deutlich zu machen, die die Leitlinien bereits für Urteilsbegründungen nutzten.

Als Beispiel für die Anwendung der Leitlinien diente die aktuelle Diskussion über das Landgestüt Dillenburg. Die hessische Landesregierung wollte das Gestüt mit der Begründung schließen, die Pferdehaltung entspreche nicht den Leitlinien. Zwei Gutachten widerlegten jedoch diesen Vorwurf. Somit konnte der Erhalt des Gestütes vorerst gesichert werden. Insbesondere die freie Bewegung der Pferde auf der Weide war in Dillenburg ein Streitthema, deshalb stellte Müller nochmals klar: „Die Leitlinien fordern täglich mehrstündige Bewegung. Kontrollierte Bewegung kann freie Bewegung nicht vollständig ersetzen. Eine Kombination aus beidem erfüllt die Anforderungen.“ Auch Lauterbach betonte: „Jedes Pferd benötigt die Möglichkeit zur freien Bewegung, das gilt auch für unsere Sportpferde.“ Wichtig sei laut Müller jedoch, dass die freie Bewegung weder in der Gruppe noch auf der Weide erfolgen müsse. Sportpferden und Hengsten könnte freie Bewegung mit entsprechendem Sicherheitsabstand auch einzeln ganzjährig in wetterfesten Ausläufen ermöglicht werden.

Die rege Diskussion über die Pferdehaltung und die Bedürfnisse von Pferden rundete Stephanie Pigisch, Leiterin des FN-Bereichs Persönliche Mitglieder, mit der Vorstellung des Wettbewerbs „Unser Stall soll besser werden“ ab: „Sie sollen wissen, dass sich die FN mit ihren Persönlichen Mitgliedern für die Verbesserung der Pferdehaltung einsetzt.“ Der Wettbewerb richtet sich an Vereine und Betriebe, die durch Um- oder Neubau eine Verbesserung der Pferdehaltung geschaffen haben. Dr. Klaus Miesner, Geschäftsführer des Bereichs Zucht der FN, erklärte außerdem die Neukonzeption der Hengstleistungsprüfung. Siegmund Friedrich, Mitglied der Geschäftsführung des FNverlags, präsentierte Bücher des Verlags, die sich an den Tätigkeitsschwerpunkten der Sachverständigen orientieren. Ergänzt wurde dieser Beitrag durch Gerlinde Hoffmann, Leiterin der Abteilung Umwelt und Pferdehaltung, die als Autorin eine kurze Übersicht über die Inhalte der „Orientierungshilfen für Reitanlagen- und Stallbau“ gab. Beide baten die Sachverständigen um Anregungen und Vorschläge zur weiteren Verbesserung der Bücher des FNverlags.

Die Erkenntnis des Tages? „Wir brauchen engere Absprachen zwischen der FN und uns Sachverständigen. Wir müssen mit der gleichen Sprache sprechen“, brachte Fink sie auf den Punkt. „Ich habe viel gelernt“, sagte auch Lauterbach im Anschluss an das Treffen und sprach sich ausdrücklich für eine Wiederholung aus. FN/Melanie Köster

Werbeanzeigen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.